Daniel bloggt: Der Songcontest im Schnelldurchlauf – Teil 2

„Te Deum“ angestimmt, Käseigel zurechtgestellt, Getränke und allerlei Knabbereien aufgetischt – irgendwie muss man sich die schlechten Beiträge des diesjährigen Eurovision Song Contests ja schöntrinken und schönessen.

Doch halt! Es gibt sie noch, die kleinen, feinen Lieder, bei denen sich das mühsame Kalibrieren der Surround-Anlage gelohnt hat, bei denen sich der Fernsehzuschauer auf dem Sofa nicht vor Schmerzen winden muss.

Schauen wir mal, welche Kleinodien diesmal dabei sind – vielleicht kommt ja was Schönes aus dem ersten Land, das heute vorgestellt werden soll?  



Bulgarien


Bulgarien hatte in den vergangenen Jahren Lieder im Programm, die besser nie auf einer öffentlichen Bühne aufgeführt worden wären. Erinnern wir uns etwa an den alarmanlagenähnlichen Schreigesang von 2009, bei dem dann auch nackte Tänzer auf Stelzen nicht den Einzug ins Finale brachten. Es klingt wie Realsatire, ist aber Eurovision Song Contest.

Jedenfalls wird das Ergebnis in diesem Jahr vermutlich nicht anders ausfallen, denn „Love Unlimited“ tönt nicht besonders liebevoll zusammenkomponiert. Langweiliges, monotones, unangenehm hörendes Krachstück. Nächstes Land, schnell.




Dänemark

An „Fly on the Wings of Love“ kommt natürlich kein dänischer Eurovisionsbeitrag so schnell wieder ran – und auch obwohl die Dänen in den vergangenen zwei Ausgaben des Wettstreits durchaus erfolgreich waren, so richtig knallig war die musikalische Qualität ihrer Lieder nicht.

„Should’ve Known Better“ soll das in diesem Jahr richten und tatsächlich klingt das kleine Stück nach einem eingängigen Popstück, nett vorgetragen von Soluna Samay. Ist aber auch nicht rasend spannend. Darf gewinnen, muss aber nicht. Wird’s vermutlich aber auch nicht.



Estland

2001 konnte Estland seinen ersten Sieg beim Song Contest verzeichnen, seit dem lief es mal gut, mal eher nicht so gut. Mal war die Platzierung berechtigt, mal nicht. In diesem Jahr könnte es der estnische Beitrag „Kuula“ schwer haben – ist aber so entspannend und angenehm unaufgeregt, dass es erfreulich wäre, würde er es im Finale auf eine gute Platzierung schaffen.

Besser nicht im Auto anhören, man träumt sich gerne mal in eine andere Welt beim Lauschen dieses Liedes, in eine Welt, in der alles zwar etwas melancholisch, ja aber dennoch beruhigend berechenbar und sanft und weich ist. Hach. Echte Eurovisionsfanatiker würden den Song auf den letzten Metern mit fünf Tänzern und einer Windmaschine zerstören.

Doch zum Glück hat der estnische Sänger so wenig Haare, dass der Kunstwind sinnlos wäre und wenn er seine Band mitbringt, ist für überkandidelte Ausdruckstänzer sowieso kein Platz. In diesem Sinne darf man Estland nur noch Glück wünschen, etwa zwischen zwei überladene Songs mit möglichst viel Krachbummpeng und Feuerwerk vortragen zu können, sodass der Kontrast am besten wirkt.



Finnland


Nein – wie – schön! Beruhigend! Nett! Kuschelig!

Finnland tritt mit einem schwedischsprachigen Lied auf, auf das diese Attribute hervorragend passen. Man mag sich einfach dabei ins Bett kuscheln, selig einschlafen oder  einfach irgendwen umarmen.

Hört sich dann beim zweiten Mal allerdings schon etwas langweilig an, ist aber trotzdem eine interessante Nummer von den ja häufig eher rockigen Finnen, die dann manchmal so klingen wie das Krümelmonster in wütend (Lordi ).  



Frankreich


Die Grande Nation ist eine der glücklosen Länder des Liederwettbewerbes, zumindest wenn man sich die Ergebnisse der letzten zehn Jahre anguckt. Da lief es zwar mit Patricia Kaas 2009 ganz gut (Platz 8), aber auch oft genug landete Frankreich auf den hinteren Rängen. Das ist schade, denn musikalisch hat Frankreich doch eigentlich ordentlich was drauf.

Angguns „Echo (You And I)“ von diesem Jahr ist musikalisch so naja, insgesamt mit einem eingängigen, mitwippfähigen Rhythmus versehen und könnte im vorderen Drittel landen.

Das Video ist allerdings… nun… eher sonderbar: eine Mischung aus einzelnen Szenen von Pink Floyds Video zu „Another Brick in the Wall“, Ausschnitten einer Musterung beim französischen Militär, Unterwäschemodels in ranzigen Kasernenunterkünften und einem umherstreunenden Schwein.

Frage mich bitte niemand, was das alles mit dem Song zu tun hat, ich glaube nicht, dass irgendjemand auf diesem Planeten es weiß.



Georgien


Die Kaukasusrepublik ist noch nicht lange beim ESC dabei, überraschte dann 2009 mit einem Lied namens „We don’t wanna Put In“, was dann durch die recht scharfe Aussprache, vermutlich versehentlich, nach einer Parole gegen den russischen Präsidenten klang.

Ergebnis: Das Lied durfte nicht teilnehmen, Georgien sparte sich den Ausflug ins ungeliebte Moskau. In diesem Jahr klingt der Titel der starken Popnummer von Anri Jokhadze auch ein wenig nach dem Regierungs- und Wiederwahlkonzept Putins: I’m a Joker.

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Griechenland


Ich warte auf das Jahr, in dem Griechenland mal keine lieblose Eurovisionspopnummer oder ein Ethnopoplied mit den ewig gleichen hellenistischen Akzenten ins Rennen schickt. Eigentlich hätte man doch nach dem Sieg 2005 sich ruhig mal etwas anderes trauen können.

Aber man fährt lieber auf der sicheren Schiene, die dann meist einen Einzug ins Finale und eine dortige, akzeptable Platzierung bedeutet. „Aphrodisiac“, so heißt das diesjährige Werk, wird das vielleicht ebenfalls schaffen, aber in den Olymp der einfallsreichen Musik steigt das Stück nicht auf.



Großbritannien


Auch 2012 wurde die Bekanntgabe des diesjährigen Teilnehmers durch die BBC mit großer Spannung erwartet. Und es ist: Engelbert Humperdinck.
 
Was für ein Name! Die älteren können sich vielleicht an ihn erinnern, ich bin nicht alt genug um in der Lage dazu zu sein. Zwischen 1968 und 1989 hatte er offensichtlich einige Erfolge, danach wurde es Still um ihn. Und was macht man mit Künstlern, die zu Schade fürs Abstellgleis sind, weil die Batterien noch halb voll sind?
 
Richtig, man schickt sie zum Grand Prix (erinnern wir uns etwa an die No Angels, die man von der Resterampe holte und schließlich überraschend im Wettbewerb versagten)! Wobei, bei Humperdinck, der eigentlich Arnold George Dorsey heißt, die Batterien noch ein Stückchen voller sein dürften, auch wenn er sonst keinen so frischen Eindruck mehr macht.

Sein Lied „Love Will Set You Free“ könnte nämlich, wenn es geschickt inszeniert und gut von ihm vorgetragen wird, dem Vereinten Königreich einige Punkte bescheren. Den Sieg zu erreichen dürfte schwierig werden, zudem ihm der ungeliebte erste Startplatz ausgelost wurde. Dennoch sei viel Glück gewünscht, Großbritannien wäre nach seinem letzten Sieg 1997 mal wieder an der Reihe zu gewinnen.



Irland


Irland, was ist bloß mit dir passiert? Einst warst du das Eurovisions-Gewinnerland schlechthin, dann nahm’s stetig ab, 2003 hast du etwa eine Billigkomposition wie „We’ve got the World tonight“ (übrigens vom Gewinnerlied von 2000 abgekupfert) ins Rennen geschickt, 2008 sogar einen Truthahn. Dass nun mit Jedward zwei zurückgebliebene, hyperaktive Teenager ins Rennen geschickt werden ist, leider, erfolgversprechend, wobei deren aktueller Feel-Good-Song, „Borderline“ oder so ähnlich, nicht ganz so stark klingt wie das musikalische Wunderwerk aus dem letzten Jahr. Wenn du mit den beiden gewinnst, liebes Irland, dann nimm den zwei Kobolden doch bitte diese grässlichen Klamotten weg, die sie in ihrem Musikvideo tragen. Danke.



Island


Der Song ist speziell – sehr speziell, auch nachdem der isländische gegen einen englischen Text ausgetauscht wurde. „Never Forget“ erinnert irgendwie an den polnischen Beitrag von 2010, nur mit etwas mehr nordatlantischer Melancholie. Wenn das Lied epochal inszeniert wird, dann könnte der Finaleinzug ganz knapp gelingen. Wenn nicht, dann ist es eine typisch-eurovisionäre Drama-Ballade, von denen es schon viele gab.



Israel


Ein Gewinnerlied ist das nicht, aber irgendwie hat diese Komposition das gewisse Etwas, das in der Vergangenheit für erfreuliche Ohrenentspannung beim Eurovision Song Contest sorgte. Izabos „Time“ klingt nämlich gar nicht so nach ESC-Einheitsbrei, im Gegenteil. Zwar mit zwanghaft ethnischer Note, aber dennoch mit Mitwippgarantie. Das Lied ist anders, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber Israel blamiert sich damit garantiert weniger als mit den Hupfdohlen von 2000.



Die Frage nach den zukünftigen Gewinnern…


…bleibt vermutlich auch nach diesem Rundgang durch das Kabinett des Grand Prix Eurovision de la Chanson unbeantwortet. Denn es gibt noch zahlreiche Lieder durchzuhören und zu bewerten. Also bis zur nächsten Ausgabe dieses Schnelldurchgangs durch den ESC-Jahrgang 2012.

Euer,
Daniel

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